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bwohl die von der Europäischen Union ver-hängten Sparauflagen seit dem 20. August 2018

einem dunklen Kapitel der griechischen Geschichte angehören, ächzen Menschen im ganzen Land unter den Folgen erhöhter Steuerabgaben, Arbeits- oder Wohnungslosigkeit, gekürzten Löhnen und Renten. Bereits im Juni erklärte EU-Finanzkommissar Pierre Moscovici das offizielle Ende der Griechenlandkrise. Doch in dem Land, über das er sprach, drehten zu dem Zeitpunkt Millionen Menschen jeden Euro zwei Mal um. Schließlich war es nicht nur das vermeintliche Ende der Krise, sondern auch des Monats und der Lohn – falls überhaupt existent – schon fast ausgegeben. Würden sie wohl Moscovici zustimmen?

 

Beispielsweise der 63-jährige pensionierte Buchdrucker Georgios Geogiadis, der als Jugendlicher aus der Tristesse eines armen 500-Seelen Dorfes nach Thessaloniki kam, sein Leben lang schuftete und
wegen der gekürzten Rente wieder Armut erlebt,
wie er sie aus seiner Kindheit kannte?

 

Oder Michaelis Apostolou? Der 60-jährige Mechaniker aus Sarti kann nur saisonal arbeiten, wenn in dem eingeschlafenen Dörfchen etwas los ist. Früher ließ er immer über den Winter anschreiben. Mittlerweile ist das nicht mehr möglich. Deswegen sucht er in der Umgebung nach essbaren Pflanzen und Wildpilzen, wenn ihm nicht gerade einer der Fischer etwas von seinem Fang abgibt.

 

Ob der 49-jährige Vassilis Vamas die Einschätzung
des Finanzkommissars teilt? Als selbstständiger IT-Fachmann mit guter Auftragslage hat er 50.000 Euro Schulden beim Staat, weil Steuern für das geerbte Grundstück und die Freiberuflichkeit für ihn nicht
zu tragen sind. Er hat deswegen einfach aufgehört, überhaupt Steuern zu zahlen und weiß, dass ein
Lottogewinn seine einzige Rettung ist, wenn er bei
den Behörden an der Reihe ist. Aber bis dahin heißt
es abwarten, denn er ist einer von Abertausenden Steuerverweigerern.

 

Und was ist mit dem 39-jährigen Anastasis Papa-dopoulos, der den von seiner Familie betriebenen
Kiosk als Gefängnis bezeichnet, weil sie sich aufgrund der erhöhten Tabak- und Alkoholsteuern keine externe Aushilfe mehr leisten können? Seit Jahren konnte er deshalb nicht mehr raus aufs Land fahren, wo er am liebsten seine Zeit verbringt.

 

Würde ihm die 25-jährige Elvi Georgiadou zustimmen, die für 20 Euro acht Stunden pro Tag in einem Café arbeitet, obwohl sie eigentlich Lehramt studiert hat? Privatunterricht kann sich kaum noch jemand leisten und öffentliche Schulen haben aufgehört einzustellen. Im Sommer ist sie nun noch zusätzlich Rezeptionistin in einem Hotel, um genügend Geld für die Medikamente des kranken Vaters zusammenzukriegen. Seinetwegen kann sie auch nicht das Land verlassen. Mit dem Träumen habe sie schon lange aufgehört.

 

Die Krise ist vorüber – zumindest auf dem Papier.
Ab August beginnt Griechenland damit, selbstständig Geld am Kapitalmarkt zu leihen und Schulden zurück-zuzahlen. Die Staatskasse hat wieder ein leichtes Polster. Doch die Lebensrealität der Menschen spricht eine andere Sprache. Sie sind diejenigen, deren Leid ver-schwiegen wird, wenn man nur auf kalten Zahlen beharrt.

 

Die Einschnitte der Memoranden haben bei ihnen tiefe Narben hinterlassen. Nur die Privilegiertesten blieben unversehrt. Die Lebenspläne der restlichen Bevölkerung wurden zu einem Großteil überworfen. Ihr Blick auf die Welt hat sich nachhaltig verändert. Sie sind voller Frustration und Misstrauen gegenüber ihren Politikern, den Institutionen Europas, der globalen Wirtschafts-ordnung. Besonders das Ansehen Deutschlands hat gelitten.  Nicht  nur wegen der Vormachtstellung inner-halb der Sparpolitik, sondern auch durch das häufig
in den Medien kolportierte Zerrbild der faulen Griechen, die sich auf Kosten anderer ihren Ouzo schmecken lassen.

 

Bei manchen entlädt sich all das in blankem Hass. Nationalismus, Rechtspopulismus und Faschismus gewinnen, verkörpert durch die rechtsradikale Goldene Morgenröte (Chrysi Avgi), wieder an Zulauf. Die Aus-schreitungen gegen die von der Troika initiierten Re-formen haben Leben gefordert. Die Sparmaßnahmen selbst haben Menschen in die Armut getrieben und krank gemacht.

 

Politisch, wissenschaftlich und am Stammtisch wurde viel über Ursachen und Lösungen diskutiert. Für dieses Projekt wurde stattdessen beobachtet und zugehört. Es ist eine Momentaufnahme des Zeitgeistes, der aus den Geschehnissen der letzten Jahre resultiert.

 

Die sozioökonomischen Konsequenzen der Krise, die auch ein wirtschaftlich prosperierendes Griechenland noch jahrelang begleiten werden, äußern sich nicht nur in Niedergeschlagenheit und Resignation: Aus der Not heraus sind Projekte entstanden, die ein Vorbild für das Zusammenleben im restlichen Europa sein können. So gesehen geht es nicht nur um Griechenland, sondern um den Menschen, der ohne sein konkretes Zutun aus der gewohnten Bahn und in eine Krise geworfen wurde. Was tut er also in diesem neuen Kosmos?

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Ein interaktiver Longread über eine Gesellschaft in der Krise

Von Lukas Schepers, Philipp Meuser
und Kolja Warnecke

 

Index

Vorwort

bwohl die von der Europäischen Union ver-hängten Sparauflagen seit dem 20. August 2018

einem dunklen Kapitel der griechischen Geschichte angehören, ächzen Menschen im ganzen Land unter den Folgen erhöhter Steuerabgaben, Arbeits- oder Wohnungslosigkeit, gekürzten Löhnen und Renten. Bereits im Juni erklärte EU-Finanzkommissar Pierre Moscovici das offizielle Ende der Griechenlandkrise. Doch in dem Land, über das er sprach, drehten zu dem Zeitpunkt Millionen Menschen jeden Euro zwei Mal um. Schließlich war es nicht nur das vermeintliche Ende der Krise, sondern auch des Monats und der Lohn – falls überhaupt existent – schon fast ausgegeben. Würden sie wohl Moscovici zustimmen?

 

Beispielsweise der 63-jährige pensionierte Buchdrucker Georgios Geogiadis, der als Jugendlicher aus der Tristesse eines armen 500-Seelen Dorfes nach Thessaloniki kam, sein Leben lang schuftete und
wegen der gekürzten Rente wieder Armut erlebt,
wie er sie aus seiner Kindheit kannte?

 

Oder Michaelis Apostolou? Der 60-jährige Mechaniker aus Sarti kann nur saisonal arbeiten, wenn in dem eingeschlafenen Dörfchen etwas los ist. Früher ließ er immer über den Winter anschreiben. Mittlerweile ist das nicht mehr möglich. Deswegen sucht er in der Umgebung nach essbaren Pflanzen und Wildpilzen, wenn ihm nicht gerade einer der Fischer etwas von seinem Fang abgibt.

 

Ob der 49-jährige Vassilis Vamas die Einschätzung
des Finanzkommissars teilt? Als selbstständiger IT-Fachmann mit guter Auftragslage hat er 50.000 Euro Schulden beim Staat, weil Steuern für das geerbte Grundstück und die Freiberuflichkeit für ihn nicht
zu tragen sind. Er hat deswegen einfach aufgehört, überhaupt Steuern zu zahlen und weiß, dass ein
Lottogewinn seine einzige Rettung ist, wenn er bei
den Behörden an der Reihe ist. Aber bis dahin heißt
es abwarten, denn er ist einer von Abertausenden Steuerverweigerern.

 

Und was ist mit dem 39-jährigen Anastasis Papa-dopoulos, der den von seiner Familie betriebenen
Kiosk als Gefängnis bezeichnet, weil sie sich aufgrund der erhöhten Tabak- und Alkoholsteuern keine externe Aushilfe mehr leisten können? Seit Jahren konnte er deshalb nicht mehr raus aufs Land fahren, wo er am liebsten seine Zeit verbringt.

 

Würde ihm die 25-jährige Elvi Georgiadou zustimmen, die für 20 Euro acht Stunden pro Tag in einem Café arbeitet, obwohl sie eigentlich Lehramt studiert hat? Privatunterricht kann sich kaum noch jemand leisten und öffentliche Schulen haben aufgehört einzustellen. Im Sommer ist sie nun noch zusätzlich Rezeptionistin in einem Hotel, um genügend Geld für die Medikamente des kranken Vaters zusammenzukriegen. Seinetwegen kann sie auch nicht das Land verlassen. Mit dem Träumen habe sie schon lange aufgehört.

 

Die Krise ist vorüber – zumindest auf dem Papier.
Ab August beginnt Griechenland damit, selbstständig Geld am Kapitalmarkt zu leihen und Schulden zurück-zuzahlen. Die Staatskasse hat wieder ein leichtes Polster. Doch die Lebensrealität der Menschen spricht eine andere Sprache. Sie sind diejenigen, deren Leid ver-schwiegen wird, wenn man nur auf kalten Zahlen beharrt.

 

Die Einschnitte der Memoranden haben bei ihnen tiefe Narben hinterlassen. Nur die Privilegiertesten blieben unversehrt. Die Lebenspläne der restlichen Bevölkerung wurden zu einem Großteil überworfen. Ihr Blick auf die Welt hat sich nachhaltig verändert. Sie sind voller Frustration und Misstrauen gegenüber ihren Politikern, den Institutionen Europas, der globalen Wirtschafts-ordnung. Besonders das Ansehen Deutschlands hat gelitten.  Nicht  nur wegen der Vormachtstellung inner-halb der Sparpolitik, sondern auch durch das häufig
in den Medien kolportierte Zerrbild der faulen Griechen, die sich auf Kosten anderer ihren Ouzo schmecken lassen.

 

Bei manchen entlädt sich all das in blankem Hass. Nationalismus, Rechtspopulismus und Faschismus gewinnen, verkörpert durch die rechtsradikale Goldene Morgenröte (Chrysi Avgi), wieder an Zulauf. Die Aus-schreitungen gegen die von der Troika initiierten Re-formen haben Leben gefordert. Die Sparmaßnahmen selbst haben Menschen in die Armut getrieben und krank gemacht.

 

Politisch, wissenschaftlich und am Stammtisch wurde viel über Ursachen und Lösungen diskutiert. Für dieses Projekt wurde stattdessen beobachtet und zugehört. Es ist eine Momentaufnahme des Zeitgeistes, der aus den Geschehnissen der letzten Jahre resultiert.

 

Die sozioökonomischen Konsequenzen der Krise, die auch ein wirtschaftlich prosperierendes Griechenland noch jahrelang begleiten werden, äußern sich nicht nur in Niedergeschlagenheit und Resignation: Aus der Not heraus sind Projekte entstanden, die ein Vorbild für das Zusammenleben im restlichen Europa sein können. So gesehen geht es nicht nur um Griechenland, sondern um den Menschen, der ohne sein konkretes Zutun aus der gewohnten Bahn und in eine Krise geworfen wurde. Was tut er also in diesem neuen Kosmos?